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· Claus Lindemann

Der Notfallkanal mit Fernbedienung: Starlink und das Konzentrationsrisiko

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Wer sich bei der Notfallkommunikation auf einen einzigen Satellitenanbieter verlässt, gibt die Kontrolle über seine Rückfallebene aus der Hand. Die Ukraine hat das diese Woche erlebt.

Was passiert ist

In der Nacht zum 14. Oktober 2026 hat SpaceX die Nutzung von Starshield in der Ukraine ohne Vorwarnung eingeschränkt. Geräte, die sich schneller als rund 160 km/h bewegen, verlieren seitdem die Verbindung. Betroffen sind vor allem schnelle Drohnen; das ukrainische Verteidigungsministerium meldet gestörte Einsätze.

Starshield ist die gehärtete, schwerer zu störende Variante von Starlink. Die Ukraine nutzt Tausende dieser Terminals, bezahlt vom Pentagon. Starlink und Starshield gelten als Rückgrat der ukrainischen Militärkommunikation, gerade weil Russland Strom- und Telekommunikationsnetze systematisch angreift.

Wer den Schalter in der Hand hat

Bemerkenswert ist weniger die Technik als die Antwort auf die Frage, wer entschieden hat. Elon Musk erklärte öffentlich, über Einschränkungen bei Starshield entscheide das US-Militär und letztlich der US-Präsident. In Kiew wird politischer Druck vermutet.

Die Leistung war also verfügbar, bezahlt und technisch intakt. Sie wurde trotzdem eingeschränkt, durch eine Entscheidung außerhalb des Einflussbereichs des Nutzers.

Für Risikomanager ist das ein bekanntes Muster: Die Verfügbarkeit eines Dienstes hängt nicht nur von Technik und Vertrag ab, sondern auch von den Interessen Dritter.

Was das mit Stadtwerken zu tun hat

Deutschland ist nicht im Krieg. Aber die Frage stellt sich auch hier, in kleinerem Maßstab. Viele Energieversorger, Wasserversorger und Netzbetreiber haben Satellitenverbindungen als Rückfallebene eingeplant: für die Leitstelle, für Außenstellen, für den Krisenstab bei einem großflächigen Stromausfall. Starlink ist dafür oft die naheliegende Wahl, weil es günstig, schnell verfügbar und leistungsfähig ist.

Das ist für sich genommen keine schlechte Entscheidung. Problematisch wird es, wenn Starlink die einzige Rückfallebene ist und niemand bewertet hat, unter welchen Umständen sie wegfallen kann. Denn genau in den Szenarien, für die eine Rückfallebene gedacht ist, also Krise, Sabotage oder geopolitische Spannung, steigt auch die Wahrscheinlichkeit politischer Eingriffe.

Die Einordnung unter NIS-2

Um es ehrlich zu sagen: Ein Starlink-Abo ist keine klassische Lieferkette im Sinne von Zulieferteilen oder ausgelagerter IT. Trotzdem berührt das Thema zwei Pflichten, die § 30 BSIG und Art. 21 der NIS-2-Richtlinie ausdrücklich nennen:

  • Aufrechterhaltung des Betriebs und Krisenmanagement: Eine Rückfallebene muss gerade dann funktionieren, wenn alles andere ausfällt. Ihre eigenen Ausfallszenarien gehören deshalb in die Bewertung.
  • Sicherheit in der Lieferkette: Gemeint sind auch die Beziehungen zu direkten Dienstleistern. Ein Kommunikationsanbieter, auf den sich der Krisenfall stützt, ist ein solcher Dienstleister – mit denselben Fragen nach Vertrag, Benachrichtigung und Ausstiegspfad, die wir für Prüfer und andere Dritte mit tiefem Einblick beschrieben haben.

Der Kern ist ein Konzentrationsrisiko: Wenn Hauptweg und Rückfallebene oder mehrere Rückfallebenen am selben Anbieter oder an derselben politischen Entscheidungsinstanz hängen, ist die Redundanz geringer, als sie auf dem Papier aussieht. Das ist kein Starlink-spezifisches Problem, aber Starlink macht es gerade besonders anschaulich.

Fünf Fragen für Betreiber

  1. Welche Satellitenverbindungen nutzen wir heute, und für welche Prozesse sind sie die einzige Rückfallebene?
  2. Welche Szenarien haben wir für den Ausfall dieser Verbindung durchgespielt, auch für eine Sperre oder Drosselung durch den Anbieter?
  3. Gibt es einen zweiten, unabhängigen Weg, etwa einen anderen Satellitenbetreiber, BOS-Funk, Richtfunk oder einen anderen Netzbetreiber?
  4. Wie schnell ließe sich umschalten, und sind Terminals, Verträge und Konfiguration dafür schon vorhanden?
  5. Steht das Risiko im Risikoregister, mit einer begründeten Entscheidung, ob es akzeptiert oder behandelt wird?

Die Antwort muss nicht immer „Anbieter wechseln“ lauten. Oft reicht ein zweiter, günstiger Weg für die wirklich kritischen Funktionen. Wichtig ist, dass die Entscheidung bewusst getroffen und dokumentiert wird.

Ausblick

Europäische Alternativen gibt es, aber noch nicht in gleicher Größe. Eutelsat OneWeb betreibt rund 600 Satelliten, Starlink etwa 7.000. Das EU-System GOVSATCOM ist seit 2026 in Betrieb, die souveräne Konstellation IRIS² soll ab etwa 2030 folgen. Deutschland finanziert bereits OneWeb-Zugänge für die Ukraine.

Im zweiten Teil geht es um die Frage, ob Europa schneller unabhängig werden könnte, und was das für Betreiber kritischer Infrastruktur bedeutet, die heute ihre Rückfallebenen planen.


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